MännerQuest - Die Reise ins Herz des Mannes

Reinhold Hermann Schäfer  

© 2004  by Arun-Verlag   2. Auflage    256 Seiten     EUR 18,00

ISBN 3-927940-93-3     Foto: Gerdehag © Upside/Greatshots 1998

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Auszug

Die Reise ins Herz des Mannes dauert eine Nacht und einen Tag: Von Hamburg mit dem Eurocity nach Stockholm, dann noch sechs weitere Zugstunden gen Norden.

Das Herz des Mannes ruht in der Waldwildnis, in den tiefen Wäldern um einem auch im Sommer meist eiskalten See. Es wartet darauf entdeckt zu werden. Der See liegt in Nordschweden im sogenannten „Little Alaska”, umgeben von tausend anderen Seen, kleinen Bächen und größeren Flüssen. Vom „Berg des kleinen Wolfes” aus erblickt man immergrüne Wälder, soweit das Auge reicht. „In diesen Wäldern kannst du verloren gehen, dich findet niemand mehr. Du verschwindest einfach”, sagte einmal ein Mann. Weit hinten sieht man noch im Juni die schneebedeckten Gipfel des norwegisch–schwedischen Zentralgebirges, das von Norden nach Süden verläuft.

Darin leben Bären, Schlangen, Adler, Birkhühner, Vielfraße, Luchse, Elche, Rentiere.

Je länger die Fahrt vom großstädtischen Zentrum Europas an die Peripherie Nordeuropas dauert, um so ruhiger, aber auch gespannter werden die zwölf Männer. Immer näher kommen sie ihrem Herzen. 24 Stunden Zugfahrt. Schwere Rucksäcke werden über die Umsteigebahnhöfe geschleppt, drinnen verpackt ein kleines, leichtes Moskitonetz für alle zu erwartenden Fälle. Ein Witz macht die Runde: „Komme nach Schweden, spende Blut.” Manche ahnen noch nicht, dass es um mehr geht als normales Blut. Es geht um Herzblut, um die Verwandlung des pinkfarbenen, romantischen und unschuldigen Herzens der Kindheit und Jugendzeit in das dunkelrote, kämpferische und mitfühlende Herz des erwachsenen Mannes.

In einem kleinen verträumten Dörfchen steigen wir aus. Ove, unser schwedischer Kontaktmann und Jon, sein Kollege warten. Die beiden Landrover mit den Anhängern fürs Gepäck und die Kanus sind gepackt. Über Email haben meine Assistenten an einen schwedischen Supermarkt eine Bestellung aufgegeben. Aufgrund unserer jahrelangen Erfahrung wissen wir aufs Detail genau, was an Verpflegung für 14 Tage und Nächte „draußen” gebraucht wird. Alles ist nun wasserdicht in runden Verpflegungstonnen verpackt. Für die Sicherheit ist gut gesorgt. Schwimmwesten, Ersatzpaddel, Ersatzzelte, Verbandszeug. Ein Handy nehmen wir nicht mit. Der Initiationsprozess hat mit der Abnabelung von der mütterlichen Welt zu tun. Der Kontakt zur Zivilisation soll soweit wie möglich abgebrochen werden. Die Teilnehmer werden aufmerksamer, wenn sie feststellen, dass wir die elektronische Nabelschnur durchschnitten haben. Niemand wird in falscher Sicherheit gewiegt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Die entsprechende Eigenverantwort­lichkeits­erklä­rung hat jeder unterschrieben. Radio und Walkman sind nicht erlaubt. Das Herz des Mannes liegt in der Stille, alleine, so unabhängig wie möglich. Man findet es nur mit Respekt und Aufmerk­sam­keit und in Eigenverantwortlichkeit.

Da es sich bei der VisionQuest aber nicht um ein Outdoor-Überlebenstraining handelt, ist normale, gute, schwedische Verpflegung Teil des Programms. Die Teilnehmer essen in der Vorbereitungs­zeit auf das Fastenritual hin meist wenig. Nach dem Ritual schlagen sich die Männer dann eher die Bäuche voll. Rainer, Spezialist für Logistik, ist gleichzeitig der beste Wildniskoch, den ich kenne. Viele Männer essen bei ihm im Basislager gesünder als zu Hause. Seine Gerichte enthalten getrocknete Früchte und Gemüse aller Art, die er aufgeweicht und gekocht mit indischem Curryreis, Honig und grünem Pfeffer serviert. Das Herz des Mannes ist süß und scharf.

Ich frage die Männer, ob es in Ordnung ist, dass sie die Augen für die erste Hälfte der Strecke, die etwa zwei Stunden dauert, verbunden bekommen. Alle willigen sofort ein. Sie rennen noch einmal zum Pinkeln in den kleinen Holzbahnhof, der aber doch schon moderne Computer zum Fahrkartenverkauf hat.

Das Verbinden der Augen der Initianden ist Tradition bei dieser Art von Ritualen. Es erhöht die sensorische Aufmerksamkeit, das heißt: Füße, Hände, Nasen und Ohren öffnen sich, um den Mangel an Orientierungsvermögen auszugleichen. Vorsichtig angekündigt und gehandhabt, zwingt es auch zur Vertrautheit und zur Hilfe untereinander. Es stellt Blindheit her, die sehend macht. Viele Schamanen bei den Naturvölkern sind tatsächlich blind. Die Schau und das Sehen hinter die Erscheinungen an der Oberfläche des Lebens werden dadurch erleichtert, gestärkt und geschärft.

Über bucklige Landstraßen mit kleineren geteerten Strecken geht es los. Die Männer sollen den Platz in der schwedischen Wildnis, in der ihr Herz pulsiert, später nie mehr auf einer normalen Landkarte finden können. Auch das Geld und die Personalausweise müssen zurückgelassen werden. Nach zwei Stunden halten Ove und sein Kollege mitten in der Wildnis an. Die Männer nehmen die Augenbinde ab. Es ist Abend. Die Mitternachtssonne leuchtet taghell am Himmel. Die Männer stehen gelassen in einer Reihe. Sie pissen aus Herzenslust. Sie freuen sich, der Zivilisation entkommen zu sein (Ihre Mutter hat es nicht gemerkt. Sie würde sich Sorgen machen. So spielen es jedenfalls die Mütter bei den Naturvölkern im ursprünglichen inszenierten Ritual).

Bernhard Langwald, Münchner Seminarleiter und Coach, schrieb einmal: „Die Helden in unseren Märchen hat es immer auch gedrängt von zu Hause wegzuziehen. Sie haben etwas gesucht, was über den Alltag hinausging. Etwas Imaginäres wie die blaue Blume, das Wasser des Lebens, den Stein der Weisen, die schöne Prinzessin oder wie immer das symbolisiert wurde. Dabei kamen sie in Kontakt mit etwas Jenseitigem, etwas jenseits des sozialen Horizonts, mit dem sie vertraut waren. Unterwegs wurden sie Prüfungen unterzogen, mussten drei schwere Fragen beantworten, mit dem Drachen kämpfen, in die Unterwelt gehen oder ähnliches. Nachdem sie bestanden hatten, kamen sie zurück und brachten etwas Neues mit – etwas, das ihre Persönlichkeit verändert hatte. Die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Formen werden von den wenigen, die sich in dieser Weise ergründet und verwandelt haben, ebenso wesentlich mitbestimmt. Die Gesellschaft lebt von ihnen, geistig und emotional. Selbst dann, wenn das nicht immer sofort erkannt wird”.

Die Männer steigen jetzt wieder in die Landrover ein und werden nun die nächsten Stunden durch diese endlosen Wälder zum See gebracht. Wir kommen an. Die Kanus und das Gepäck werden abgeladen. Die beiden schwedischen Fahrer verabschieden sich, sie kennen diese Gegend selbst nicht so genau. Sie freuen sich, wieder nach Hause zu ihren Familien zu kommen. Sie erzählen mir immer wieder, dass sie mächtig Respekt vor der Wildnis haben. Das Gebiet, in dem wir uns jetzt befinden, kenne ich inzwischen besser als sie, wofür mich die beiden sehr bewundern.

Die Männer stehen vor den Verpflegungstonnen und wissen wirklich nicht mehr, wo sie sind. Es ist kurz vor Mitternacht, die Sonne scheint immer noch von Nordwesten her. Nach der Einweisung ins Kanufahren ziehen wir langsam los, ganz in Ufernähe, schwer bepackt mit allem, was wir notwen­diger­weise für die nächste Zeit brauchen.

Ein Mann findet sein Herz nur, wenn er zuerst die Orientierung verliert. Er muss das aufgeben oder zur Seite schieben, was er normalerweise für vernünftig hält, was ihm als vernünftig beigebracht wurde. „Nur wenn du dich traust, die Orientierung zu verlieren , kannst du irgendwo ankommen, wo du noch nie warst und auch normalerweise nie hingehen würdest: mitten in deinem eigenen Herz. Das kann sehr schmerzvoll sein, angsterregend, fast grausam. Du musst mehrere Drachen überwinden: falschen Stolz, alten Groll, Neid, Arroganz, übertriebene narzisstische Verletzlichkeit oder gepanzerte Taubheit und Lähmung des Herzens! Aber der Weg lohnt sich,” sage ich zu den Männern.

 

 

Rezension